Die Höhlenwohnungen von Langenstein (Halberstadt)

Die Höhlenwohnungen von Langenstein sind so skurril wie legendär. Ein Besuch somit Pflicht. Zumal die Geschichte der von Menschen gemachten „Höhlen“ interessant ist.

Leben in einer Höhle? Was nach Steinzeit klingt, war im kleinen Dorf Langenstein bis 1910 (!) Realität. Ganze zwölf Höhlenwohnungen findet ihr in dem heutigen Ortsteil von Halberstadt (Landkreis Harz, Sachsen-Anhalt). Allesamt wurden einst in den weichen Sandstein gegraben – um Wohnraum zu schaffen.

Weil Wohnraum knapp war

Die Höhlenwohnungen sind jedenfalls über Langenstein verteilt. Die beiden ältesten findet ihr nahe der früheren Altenburg, einer von den Halberstädter Bischöfen auf dem „Langen Stein“ ab 1177 erbauten Burg. 1653 wurde diese allerdings aufgegeben und als Steinbruch genutzt. Warum das interessant ist? Weil es nahe dieser Burg diverse Höhlen gibt. Eine davon bauten die Langensteiner 1787 zu einer Wohnung aus. 1795 zog der Gerichtsdiener Meyer ein. Der „Vermieter“ war der damalige Gutsbesitzer und Schlossherr Anton Salvator von Branconi.

Die Wohnung war, wenn auch nicht durchgehend, bis 1916 (!) bewohnt. Die Miete war jährlich zu zahlen, wurde mitunter aber vom Gutsbesitzer erlassen. Verbrieft ist jedenfalls, dass über die Jahre die Familien…

  • Heydecke
  • Gereke
  • Krebs und
  • Mönichhoff

hier lebten. Die Familie Heydecke brachte es sogar auf 22 Jahre in der „Höhle“. Karl Rindert war der letzte Bewohner und zog 1916 aus gesundheitlichen Gründen ins Dorf. Danach war die Wohnung dem Verfall ausgesetzt. Die gemauerte Frontwand verfiel, womit die Höhle wieder zur Höhle wurde. Nach der Wende rekonstruierte man die Höhlenwohnung allerdings durch ABM. Ein Stück zum Dorf hin befand sich übrigens noch eine zweite Wohnung. Diese ist jedoch nicht mehr als solche erkennbar.

Die Höhlenwohnungen von Langenstein

Zehn weitere Wohnungen schlug man zwischen 1855 bis 1858 am Schäferberg in den Sandstein. Die „Genehmigung“ dieser Wohnung geschah allein aus der Not. In und um Langenstein herrschte damals böser Wohnungsmangel. Ein Gesuch des Langensteiner Dorfschulzen Hinze um weiteren Wohnraum lehnte der preußische Landrat Gustav von Gustedt jedoch ab. Also entschied der Gemeinderat, den Schäferberg zu nutzen. „Bauwillige“ erhielten für acht Groschen ein Stück Felswand – und durften sich in den Fels graben.

Mit Hammer, Meißel und Spitzhacke machten sich die „Bauherren“ ans Werk. Der Bau der Höhlenwohnungen von Langenstein am Schäferberg dauerte zwei bis fünf Monate. An Baumaterialien langten je eine Tür und ein Fenster. Die Wohnungen von jeweils rund 30 m² waren alle ähnlich geschnitten. Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer sowie ein Vorratsraum waren quasi Standard. Ebenso wie ein gemauerter Herd. Die nötige Schornsteine führten wiederum durch den Fels nach oben. Als Trennwand ließen die Erbauer einfach Fels „stehen“.

Einziges Manko war das magere Licht, das lediglich durch die vorderen Räume ins „Haus“ kam. Über den Türen und an den Schornsteinen gab es dafür Spalten. Diese sorgten für einen Luftzug, der Schimmel und Feuchtigkeit verhinderte.

Kühl im Sommer, warm im Winter

Ohne Komfort waren die Höhlenwohnungen Langenstein jedenfalls nicht. Zugegeben: Fließend Wasser und Strom gab es nicht. Dafür wirkte der Sandstein im Sommer als Klimaanlage, im Winter hingegen als gigantischer Wärmespeicher. Die Höhlen wurden zudem mit Schafen und Ziegen beweidet. Das verhinderte eine Verbuschung und vor allem Baumbewuchs. Auf der anderen Seite brachten die Schafe den Dörflern einen Spottvers ein.

„In Langenstein, in Langenstein, da schieten de Schaape in Schornstien rein!“

Die erste, etwas abseits von den anderen gelegene Höhlenwohnung, heißt übrigens Schmidthöhle. Denn in dieser hauste das Ehepaar Schmidt: Karoline (1825 – 1909) und Ludwig (1829 – 1910). Ludwig Schmidt stand als Drehorgel-Spieler in Lohn und Brot. Eine kleine Gedenktafel erinnert bis heute an die Schmidts.

Aufgabe der Höhlenwohnungen Langenstein

In diese Zeit – also 1900 bis 1910 – fällt auch die Aufgabe der Wohnungen. Zumindest als menschliche Behausung. Stattdessen nutzten die Langensteiner die Höhlenwohnungen fortan als Vorratsraum oder Stall, bauten teilweise sogar kleine Häuschen davor. 1916 zog dann wie erwähnt der letzte Bewohner aus. Apropos Bewohner: Diese nannte man Troglodyten, das altgriechische Wort für Höhlenbewohner oder Höhlenmensch. Nach der Wände richtete der Langensteiner Höhlenwohnungen e.V. die Wohnungen wieder her.

Besichtigen könnt ihr die urigen Wohnungen übrigens kostenlos. Führungen sind ebenfalls möglich. Zum Beispiel durch die TouristInfo Halberstadt ab zehn Personen (2 Euro/Person). Geöffnet sind die Wohnungen am Schäferberg täglich. Und zwar im

  • April – Sept.: 9:00 bis 18:00
  • Okt. – März: 10:00 bis 16:00

Bei schlechter Witterung bleiben die Türen allerdings geschlossen. Die Höhlenwohnung an der Altenburg ist jederzeit frei zugänglich.

Wir ihr die Höhlenwohnungen Langenstein findet? Mit dem Auto fahrt ihr das urige Dorf einfach über die B81 Halberstadt – Blankenburg an. Für die Wohnungen am Schäferberg gebt die Adresse Schäferberg 23, 38895 Langenstein ins Navi ein. Die Wohnung an der Altenburg ist dagegen schwerer zu finden. Von der Zufahrt ab Böhnshausen fahrt ihr über die Dorfstraße in den Ort rein. Nach einer „Schlucht“ durch Sandsteinfels biegt die Dorfstraße links ab. Rechts liegt an einem Forstweg der Ölmühlenteich, wo ihr parken könnt. Geht den Forstweg ein paar Minuten bis zu einer Bank. An dieser führt links ein Weg hinauf zur früheren Altenburg und über diese zur Wohnung.

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